Erfahrungsberichte von Fehlgeburten und anderen Schwangerschaftsverlusten

An dieser Stelle möchte ich euch inspirieren, eure Erfahrungen, gute wie schlechte, traumatische wie heilende, eigene Erfahrungen oder berührende Geschichten, die ihr gehört oder erlebt habt, mit anderen zu teilen. Schickt mir eure Berichte und ich werde sie – gut sortiert und manchmal kommentiert – hier teilen. Je vielfältiger eure Erfahrungen sind, desto lehrreicher kann dieser Blog werden.

Dabei soll es nicht nur um Fehlgeburt, sondern auch um Totgeburt / Stille Geburt, Zwillingsverlust und andere Erfahrungen gehen - was immer ihr zu dem Thema hier teilen möchtet.

Ebenso freue ich mich, wenn ihr Geschichten zu Abschiedszeremonien teilen möchtet und Erfahrungen dazu, was euch geholfen hat.

Schreibt mir gern eure Erfahrungsberichte an info@fehlgeburt-begleiten.de 

Wer mag, darf auch gern ein passendes Bild hinzufügen. Ob ihr Namen oder Alter teilen möchtet oder lieber anonym bleibt, dürft ihr natürlich selbst entscheiden.

Wir können alle viel voneinander lernen!

Die schwersten Tage meines Lebens

Es war an einem schönen warmen Dienstag im August 2021. Ich war bereits 39 Wochen schwanger. Die Sonne schien und es ging mir gut. Besser als in den letzten 4 Wochen.  Mit meinem Sohn (3) ging ich, wie so oft in diesem Sommer, zum nahegelegenen Bauernhof. An diesem Tag musste ich nicht nach 4 Schritten stehen bleiben, um Luft zu holen. Bis Mittag habe ich meine Tochter noch nicht gespürt, was ungewöhnlich war. Dann aß ich Schokolade. Worauf sie immer reagierte und sich bewegte. Dieses mal nicht. Aber ich dachte mir noch nichts. Am Nachmittag ging ich mit meinem Sohn und meiner Mama zum schwimmen. Das fand meine Kleine im Bauch auch immer so toll und strampelte kräftig mit. Aber das tat sie nicht. Ich hatte einen Arzttermin beim Hausarzt und erzählte ihm, dass ich mein Kind heute noch nicht gespürt habe. Er meinte, ich soll meine Hebamme anrufen, damit ich beruhigt bin.

Die Vertretung meiner Hebamme hat mich dann am Abend in die Praxis bestellt. Ich hatte große Angst aber dachte, es ist bestimmt alles ok. Es war ein schöner Sonnenuntergang und so schön warm. Die Hebamme versuchte, ein CTG zu machen. Aber sie konnte nur meinen Herzschlag finden. Sie meinte, wir brauchen einen Ultraschall. Aber so spät abends hat kein Frauenarzt mehr Sprechstunde, ich soll bitte in ein Krankenhaus fahren. Auf dem Heimweg habe ich mit meinem Mann telefoniert der gleich meine Mama organisierte, damit sie zuhause bei unserem Sohn bleibt und aufpasst.

Die Hebamme aus der Klinik hat mir am Telefon gesagt, ich soll bitte auf keinen Fall alleine kommen. Das war komisch. Weil ich konnte doch alleine fahren und das schnell abklären lassen. So fuhren wir dann abends um 20 Uhr ins Krankenhaus nach Schongau. Mein Mann durfte wg. Corona nicht mit reinkommen und hat auf dem Parkplatz im Auto gewartet.

Nachdem der Corona-Test bei mir durchgeführt wurde, hat die Ärztin begonnen, den Ultraschall zu machen. Nach ein paar Sekunden hat sie nur mit dem Kopf geschüttelt. Ich hielt ihren Arm fest und sagte, sie soll sofort aufhören. Mein Herz raste. Ich bekam keine Luft mehr. Die Tränen schossen mir in die Augen. Ich brachte nur noch die Worte raus: „Ich will, dass mein Mann kommt!“ Als mein Mann dann hereinkam, sprach die Ärztin mit ihm. Er weinte und kam sofort zu mir, die ich immer noch auf der Liege lag. Ich konnte nur weinen. Und war leer. Es war dunkel. Alles war dunkel. Wie kann das sein? Das ist doch nicht wahr! Ist das Leben meiner Tochter vorbei? Warum?

Die Ärztin fragte mich vorsichtig, ob sie den Ultraschall noch fertig machen darf. Ja, das darf sie, mir war jetzt alles egal. Gott sei Dank war jetzt mein Mann bei mir!

Danach durften wir wieder heim fahren und am nächsten Morgen nach dem Frühstück wieder zur Einleitung ins Krankenhaus kommen. Zum Abschied umarmte mich die Ärztin.

Mein Mann rief noch vom Krankenhaus aus meine Mama an. Sie wartete bereits auf eine Nachricht von uns.

Zuhause angekommen war auch meine Oma da. Beide saßen weinend auf dem Sofa.

Später fuhr mein Mann meine Mama und meine Oma nach Hause, er wollte sie nicht fahren lassen weil sie total mit den Nerven runter waren.

Ich ging ins Bett.

Am nächsten morgen lag unser Sohn in der Mitte unseres Bettes. Wir haben ihm erzählt und erklärt, dass seine Schwester nicht mehr lebt. Es war eine Zeit lang still. Mein Mann und ich kämpften mit den Tränen. Unser Sohn schaute an die Decke und sagte irgendwann: „Aber ich wollte doch auch ein Geschwisterchen haben...“ (Sein bester Freund bekam vor drei Wochen ein Geschwisterchen).

Seine Schwester hat ihm ein Geschenk dagelassen. Zum Abschied. Eine Engelbert-Strauß-Arbeitshose. Ab diesem Tag zog er keine andere Hose mehr an. Nur zum Waschen und nachts zog er sie aus. Der ganze Kindergarten und alle Freunde wussten, dass diese Hose ein Geschenk von seiner Schwester im Himmel ist.

Wir haben alle zusammen gefrühstückt. Ich rief meinen Frauenarzt an und sagte, dass wir drei heute nicht zur Vorsorge kommen werden, da unsere Tochter gestorben ist.

Meine Mama holte unseren Sohn ab. Dann sind wir ins Krankenhaus gefahren. Die Schwestern und Ärzte waren alle sehr sehr nett und rücksichtsvoll. Wir bekamen ein Einzelzimmer und ein Bett für meinen Mann dazu. An der Tür wurde ein Schild befestigt, dass uns keiner stören darf.

Die Einleitung mit den Tabletten begann.

Wir sind spazieren gegangen. Es war sehr warm und ein warmer Wind wehte. So ein schöner Sommertag!

Uns begleitete eine sehr nette Assistenzärztin. Sie fand immer die richtigen Worte. Redete nicht einfach nur irgendwas. Sie verstand uns. Wir fühlten uns sehr wohl mit ihr! Ihre Worte waren so hilfreich und taten so gut!!!

An diesem Tag passierte nicht viel.

In der Nacht habe ich meine Tochter gespürt. Sie bewegte sich. Die gleiche Ärztin kam zu uns und sie machte eine Ultraschall-Untersuchung. Leider zeigten sich keine Herzschläge.

Am nächsten morgen nahm ich weiter die Tabletten. Nach dem Frühstück zog es etwas im Bauch. Wir wollten nochmal raus, spazieren gehen, die Natur spüren. Aber wir entschieden uns, kurz im Kreißsaal vorbei zu schauen. Die Wehen wurden heftiger. Die liebenswerte Hebamme ließ uns den Kreißsaal aussuchen. Ich wollte den Größeren. Der war so schön hell und weit. Die Wehen wurden immer stärker. Somit blieben wir im Kreißsaal.

Die Anästhesistin kam und legte mir eine PDA.

Da lag ich nun. Wir warteten. Mein Mann brachte mir das Essen. Die Hebamme und die Ärztin besuchten uns regelmäßig. Nebenan lag eine Schwangere, wir hörten sie sehr gut. Unsere Ärztin machte in unserem Raum die Musik lauter. Es kam „Ave Maria“. Ein sehr schönes Lied! Immer wieder musste ich weinen, war aber irgendwann zu schwach dazu.

Nebenan hörten wir, dass das Kind geboren war, es hat geschrien...

Unsere Geburt begann. Schmerzhaft. Aber wunderschön! Alle machten es mir so schön wie nur möglich. Alle halfen mir, mein Mann, die Hebamme und die Ärztin. Es dauerte nicht lange, dann war unsere kleine Josephina Gloria geboren. Um 15:05 Uhr. Es war still. Ich habe gesagt: „Sie lebt ja wirklich nicht mehr...!“ Und hab furchtbar geweint. Ich habe gesehen, wie sich unsere Hebamme eine Träne weg wischt. Josephina Gloria wollte ich sofort auf meinen Oberkörper gelegt bekommen. Sie war so wunderschön, hatte viele dunkle Haare, wunderschöne rote zarte Lippen, eine Stupsnase, und war so warm, einfach perfekt. 3360 g schwer und 54 cm groß. Aber ihre Augen blieben zu. Und sie hat nicht geweint. Sie zu spüren, war so schön! Mein Mann wollte sie auch auf die Brust gelegt bekommen.. Das war ein schönes Bild!

Die Ärztin organisierte uns eine Sternenkind-Fotografin. Sie brachte uns eine Decke und 2 kleine Herzen mit. Eines für Josephina und eines für mich. Sie fotografierte uns drei. Aber irgendwann war es sehr anstrengend und ich wollte wieder alleine sein mit meiner Tochter und meinem Mann. Von Josephina wurde noch ein Fußabdruck gemacht. Und ein Armband mit ihrem Namen.

Nach einiger Zeit wurde ich ins Zimmer zurück gebracht. Unsere Tochter durften wir noch einige Zeit bei uns haben.

Am Abend fuhren mein Mann und ich nach Hause. Ohne unsere Tochter. Josephina blieb im Krankenhaus. Im Kühlhaus... Das war sehr sehr schlimm für mich!!! So gern hätte ich sie mit nach Hause genommen. Sie gestillt. Sie allen gezeigt. Ich wollte ihr den Herbst zeigen, den Winter, den Schnee. Aber ihr Leben war schon vorbei.

Am nächsten Morgen besuchten wir unsere Tochter. Mein Sohn und meine Mama kamen mit. Unser Sohn hat sie gesehen und gestreichelt. Er sagte: „Mama, Josephina braucht Socken, sie hat ganz kalte Füße.“ Ich weiß nicht mehr, ob wir ihr dann Socken angegeben haben.

Der Seelsorger der Klinik war an unserer Seite. Ein sehr ehrlicher, sympathischer, aufrichtiger netter Mann. Er stand uns bei, das tat gut!

Die Beerdigung von Josephina fand 1 Woche später statt. In meinem Heimatort. Dort, wo mein Papa begraben ist. Da liegt sie nun. Die Beerdigung wurde sehr schön gestaltet. Mit schönen Liedern und einer einfühlsamen Zeremonie. Mein Sohn hat mir während der Beerdigung meine Tränen abgewischt.

Es war eine würdevolle Feier mit nur den engsten Verwandten, dem Seelsorger der Klinik und der Ärztin, die uns so liebevoll begleitet hat.

Nach der Beerdigung sind wir spontan spazieren gegangen, ganz langsam, ohne Ziel. Es war ein warmer Sommertag mit warmem Wind. Wir stießen plötzlich auf ein großes Feld mit hunderten Sonnenblumen. Das war so schön wie sie in der Sonne und im Wind tanzten.

 

Die erste Zeit nach der Geburt sind mein Mann und ich viel in die Natur. Haben viel geredet. Die Nachsorge-Hebamme kam auch regelmäßig und hörte uns zu. Das tat gut.

Unsere Nachbarn, Bekannte, Freunde reagierten unterschiedlich. Die einen wechselten die Straßenseite, wenn sie uns gesehen haben, die anderen taten so, als wäre nichts gewesen. Wieder andere redeten gar nicht mehr mit uns. Es war sehr schwer, das Verhalten der anderen zu verstehen.

Wie oft fragte ich mich „WARUM?“ Das frage ich mich immer noch. Aber nicht mehr so oft. Ich bekomme einfach von niemandem eine Antwort.

Was mir in der schwersten Zeit geholfen hat, war mein Sohn! Für ihn musste ich am Morgen aufstehen, musste kochen, waschen, essen, mit ihm lesen, und auch mal lachen. Mein Sohn redete sehr viel darüber, ganz anders als Erwachsene. Er stellt konkrete Fragen. Für ihn ist sie nicht weg. Sie ist nur manchmal woanders. Wenn wir mit dem Auto fahren, zählt er durch und sagt, „Alle da“. Josephina ist immer mit dabei.

Der Schmerz wird irgendwann, ganz ganz langsam erträglicher.

Ich bin glücklich, dass ich von Josephina Andenken habe (Fußabdruck, Bilder).

Und dankbar, dass ich meine kleine Tochter 39 Wochen in meinem Bauch spüren durfte.

 

Das Buch „Gute Hoffnung, jähes Ende (Hannah Lothrop)“ kann ich empfehlen.

Auch der „Bunte Kreis“ in Kempten hat mir mit Gesprächen geholfen.

Und auch die Ärztin, die uns im Krankenhaus und auch danach so gut begleitete, uns beigestanden ist und immer die richtigen helfenden Worte fand.